Sollte es, bei Fortschreiten der Trächtigkeitstoxikose, zu dem tragischen Fall kommen, daß die Sau verstirbt, jedoch lebende Jungtiere hinterläßt, kann man versuchen, diese durch Päppeln erfolgreich großzuziehen. Dies gelingt bei verwaisten Meerschweinchenjungen in der Regel recht gut, da sie oftmals schon wenige Stunden nach der Geburt feste Nahrung zu sich nehmen und auch aus flachen Schälchen trinken können. Ein weiterer Pluspunkt für die relative Unproblematik der Handaufzucht ist die Tatsache, daß Meerschweinchenwelpen nicht zwingend auf die Kolostralmilch (Beastmilch) ihrer Mutter angewiesen sind. Zwar ist diese, wie bei anderen Säugetieren auch, reich an Immunglobulinen, Vitaminen und Spurenelementen, jedoch werden die Feten bereits im Mutterleib mit maternalen Antikörpern versorgt.
Trotz dieser Vorteile gilt es einige grundlegende Dinge bei der Handaufzucht zu beachten. So ist dem verwaisten Jungtier wenigsten in der 1. Lebenswoche eine, in ihrer Zusammensetzung der Muttermilch ähnliche, Ersatznahrung zur Verfügung zu stellen.10-35% (5-20g) des Körpergewichts des Jungtieres sollten in Form dieser Austauschmilch, 2-3 mal über den Tag verteilt, gegeben werden. Diese Menge richtet sich nach der Aktivität, der Lebhaftigkeit und der, vom Jungtier bereits selbständig aufgenommenen, Nahrung. Weniger abhängig ist sie von der Umgebungstemperatur, da Meerschweinchenwelpen bereits bei der Geburt einen gut entwickelten Thermoregulationsmechanismus besitzen (68).
Als Kohlenhydratquelle für den Milchaustauscher dient Laktose. Hierbei muß erwähnt werden, daß reine Kuhmilch für Meerschweinchen ungeeignet ist, da sie, im Vergleich zur Meerschweinchenmilch, einen ungleich höheren Anteil an Laktose aufweist (5g/ 100g), der zu Darmdysbiosen und Durchfall führen kann. Mit mehr als 20% des Milchfetts ist der Linolsäureanteil in der Milch der Meerschweinchenmütter sehr hoch (Kuhmilch hat 2,4%). Zur Fettsubstitution setzt man dem Austauscher daher etwas Sonnenblumen- oder Sojaöl bei. Als Proteinquelle dient am ehesten geronnenes Kasein in Form von Magerquark. Wenn die Qualität einwandfrei ist, kann man auch rohes Eigelb oder gekochte pürierte Eier untermengen.
Rezept nach Hamel, S. 23 / Info Meerschweinchenhilfe Leinfelden-Echterdingen, Blatt XXX
Zutat | Anteil in Einheiten (z.B. Gramm) |
|---|---|
Magerquark | 38 |
Eigelb | 5 |
Magermilch | 33 |
Rahm (30%) | 7 |
Vollmilch | 48 |
Speiseöl | 1 |
Mineralfutter (z.B. Vitakalk) | 2 |
Wichtig ist in jedem Fall, daß die Austauschmilch täglich frisch zubereitet wird und zwischen den Mahlzeiten gut gekühlt werden muß. Für die Fütterung entnimmt man die benötigte Portion und erwärmt sie auf Körpertemperatur (38°C). Es kann auch versucht werden, ab dem 2. Lebenstag zermahlene, und zu Brei angereicherte, Alleinfutterpellets (möglichst mit Vitamin C) zu reichen, oder zartes, junges Heu bester Qualität anzubieten, um das Verdauungssystem des Jungtieres an artgerechtes Futter zu gewöhnen.
Besondere Umsicht ist bei der Fütterung des Welpen geboten. Vorsichtig sollte man bei der Nahrungsgabe mittels einer Spritze sein, da sich die kleinen Meerschweinchen häufig verschlucken und somit ungewollt Flüssigkeit in die Lungen gelangt. Darum ist es von Vorteil, dem Welpen die Ersatznahrung auf einem kleinen Löffel anzureichen, bzw. die Milch tropfenweise vom Finger lecken zu lassen. Sollte doch einmal Milch in die Lungen geraten, empfiehlt die Tierärztin Mette Lybeck Ruelokke (69), sich das Jungtier vorsichtig kopfüber gegen die Schulter zu pressen. Das führt zu Stress und Aufregung, infolge dessen der Welpe zappelnd und hustend die Milch schnell wieder auswirft.

untergewichtiges, weibliches Meerschweinchenbaby

Päppeln mit Critical Care

richtige Handhabung beim Füttern
Sofern vorhanden, sollten die verwaisten Jungtiere in Gesellschaft erfahrener Meerschweinchen gehalten werden. So lernen sie durch Beobachten und den arttypischen Futterneid schnell, sich an feste Nahrung zu gewöhnen. Hierbei ist es wichtig, das Gehege "babygerecht" auszustatten. Heuraufen sollten aufgrund der Verletzungsgefahr entfernt werden. Das Heu legt man auf den Boden, wo es für die Kleinen nicht nur leichter erreichbar ist, sondern auch zum Spielen und Verstecken einlädt. Tränken müssen ebenfalls gut erreichbar angebracht oder durch flache Wasserschälchen ausgetauscht werden. Vorsicht ist bei Pelletfutter geboten, das evtl. zerkleinert werden muß, um den Welpen das Schlucken zu erleichtern (Erstickungsgefahr). Optimal wäre natürlich eine Amme, der man die verwaisten Meerschweinchenbabies beilegen könnte. Meerschweinchen sind sehr sozial und machen keine Unterschiede zwischen eigenen und fremden Jungtieren. Auch Tanten, Väter und Geschwister kümmern sich im Normalfall rührend um die Kleinen, weshalb die baldige Rückführung in die Gruppe von großem Vorteil ist. Gibt es keine erwachsenen Meerschweinchen, die sich der Welpen annehmen würden, ist es günstig, die Jungtiere mit Wärme zu versorgen, besonders, wenn sie untergewichtig oder schwach entwickelt sind (wie im Falle einer Frühgeburt). Dazu legt man eine, in Handtücher gewickelte, Wärmflasche in eine Ecke des Geheges (nicht zu heiß, Verbrennungen!), oder aber man hängt eine Rotlichtlampe darüber (Vorsicht vor Überhitzung! Ständige Kontrolle ist wichtig!).
Ein weiteres Problem ist die Ausscheidung von Kot und Urin. Diese wird normalerweise durch Ablecken der hinteren Bauchregion durch die Mutter angeregt. So ist es wichtig, dem Meerschweinchenbaby nach den Mahlzeiten vorsichtig das Bäuchlein und den Po zu massieren, um ihm mit dieser Hilfestellung den Absatz von Ausscheidungen zu erleichtern.
Handelt es sich bei dem Welpen um ein einzelnes Jungtier, ist es auch wichtig, ihm Gesellschaft zu leisten, ihm spielerisch das Fressen beizubringen, mit ihm zu sprechen und ihm das Gefühl von Nähe und Geborgenheit zu vermitteln (natürlich freuen sich auch mehrere Jungtiere über diese Aufmerksamkeiten, sofern sie ruhig und besonnen erfolgen und den Kleinen keine Angst machen).
Je nach Temperament, Ausdauer und Zähigkeit der Jungtiere, kann man individuell abgestimmte Bachblüten verabreichen. Am besten massiert man dem Welpen dabei mehrmals täglich einen Tropfen der gewählten Mischung auf eine haarfreie Stelle (z.B. hinter den Ohren).
Erfolgreich ist das Päppeln dann, wenn das Jungtier täglich 5-10 g an Gewicht zunimmt und sich sein Geburtsgewicht nach 2 Wochen annähernd verdoppelt hat.
Zum Schluß sei noch angemerkt, daß einige Züchter und Halter auch mit der Verwendung von Katzenaufzuchtsmilch und/ oder Humana Heilnahrung, unter Beimengung von handelsüblichem Babygemüsebrei gute Erfolge erzielt haben. Allerdings sollte man in diesem Fall besonders auf mögliche Dysbiosen bzw. Durchfall achten.